Fressen und gefressen werden auf Florians Home Face to Face

7 Spieler an einem Brett – das kann nur ein Face to face Event sein! V.l.n.r. Carsten, Stefan,
Marc, Christian, Fabian. Nicht im Bild: Arne, Frerk, Christoph, Conrad, Felix, Kevin, Michael,
Mirko, Torsten sowie das Haus- und Sicherheitspersonal.
Face to face, also Dipspielen „von Antlitz zu Antlitz“, ohne sich hinter emails verstecken zu können oder seine nonverbale Körpersprache nicht offenbaren müssen, habe ich bisher nur an „öffentlichen Orten“ gespielt, also in Jugendherbergen, in Begegnungsstätten zwischen Bahngleisen oder im Hotel. Um so gespannter war ich, als ich am Freitag Fabians Einladung folgte und mich auf den Weg vom Flughafen nach Nieder-Eschbach quälte. Fabian Straub, ein führender Spieler der Szene, hatte zum ersten Face to face bei sich zuhause eingeladen – und fast alle „Zusager“ kamen denn auch am Wochenende 27.-29.7.2012 nach Frankfurt (Teilnehmer u. Absager am Ende des Artikels sichtbar).

Zwei Champions im Gespräch – der Gastgeber Fabian
Straub (m. Sonnenbrille) und Stefan Hagemann
(o. Sonnenbrille)
Bereits am Freitagabend reisten die Diplomacyfreaks aus allen internationalen Richtungen an, u.a. erschienen aus Afrika ein Amerikaner namens Conrad Woodring und aus Russland ein Deutscher, Christian Reichardt, der Verfasser nämlich. Auch aus den verkehrstechnisch nicht weniger weit (je nach Verkehrsmittel) entfernten Regionen Deutschlands scheuten die Hobbyspieler nicht den Weg, so begrüßten sich dann Teilnehmer Stefan Hagemann aus Rostock, aus Frek v. Schoen aus Bad Segeberg, Marc Boden aus Köln, Arne Senftleben aus Heidelberg, Christoph Diehl aus Mainz, Torsten Kutzner aus Frankfurt usw. (Liste am Ende des Artikels), ferner aber auch aus Frankfurt-München, von wo extra der neue amtierende DDB-Präsident Michael Pock angeritten kam.

Wo man noch richtig “blattern” kann – das “Junta”-Spiel
Für die Stimmung sorgte Fabian wie gewöhnlich mit seltenen Biersorten aus seinem heimatlichen Bayern und seinem besonderen Humor. Bei extremen Temperaturen von 34 Grad Celsius hatten die Kühlschränke aussergewöhnliches zu leisten, die Spieler nicht minder. Zur Einstimmung und, nachdem das „geschäftliche“ erledigt war, „wärmten“ sich die Teilnehmer auf der Terrasse des Reiheneckhausgrundstückes im vornehmen Nieder-Eschbach bei einem „Junta“-Spiel auf, das atemberaubend bis nachts um 03 Uhr morgens dauerte, wobei “geblattert” wurde, was das Zeug hielt.
Dabei traten im Laufe des Abends Regelauslegungsprobleme auf, die spieletypisch in südamerikanischer Manier mit Bestechungen, Attentaten, Putschs, Erschiessungen und härteren Vodkarunden „erledigt“ wurden - sehr zum Unwohlsein der Nachbarn, die angesichts der ungebremsten Dialoge auf der nächtlichen Terrasse eine nichtlegale oder von ihnen nicht gemochte Keimzelle argwöhnten und – typisch deutsch – ihre Bereitschaft ankündigten, für ihr Reihenhaus und im übertragenen Sinne natürlich auch für ihr Vaterland einzutreten und wirkliche Sicherheitsorgane hinzuzuziehen, was durch Konfekt und andere Junta“instrumente“ glücklicherweise entschärft werden konnte.

Das erste Spiel
Nach einem kurzem Schlaf auf jedweden Schlafgelegenheiten einschliesslich auf der Terrasse wurde dann, nach einem zünftigen Frühstück mit Ei, Mett und anderen Leckereien, das eigentliche Zusammentreffen „vollzogen“. Es begann mit einem Standarddip in den Spielfarben „Tegernseer Helles“ oder „Jever“ und dauerte satte 3-4 Stunden. In der Zeit wurde bis ins Jahr 1905 gespielt, und das schöne war, dass eigentlich alle gewonnen hatten. Niemand wurde eliminiert, die Führung wechselte zwischen verschiedenen Nationen, wer fünf VZ hatte, hatte viel erreicht, und das Spiel wurde nur deshalb beendet, weil alle einen Riesenhunger hatten und der Grill nicht länger auf sich warten lassen wollte.

Ohne Mampf kein Kampf! Grillen ohne Limits!
Fabian hatte zuvor bei einem 3-Sterne-Metzger die nötigen kampfgruppengerechten Fleischmengen sicherstellen lassen, die die Welternährungsorganisation durchaus zu Diskussionsbedarf verleiten könnten. Rind, Schwein, Lamm, Würstchen, dann noch Kartoffeln in Alufolie und selbstgezauberte Salate, was wollten die inzwischen auf 9 Teilnehmer angewachsenen Diplomacywilden mehr. Als Grillzeremonien- und Proviantmeister qualifizierten sich die ehemaligen und aktuellen Dipchampions Stefan Hagemann und Fabian Straub selbst.
Nach dem Essen trat dann naturgemäß eine schöpferische Pause ein, sodass eine Partie „No-Talk“ (gemeint ist natürlich No-Press) von allen gern angenommen wurde. Einer der Teilnehmer bezeichnete die Partie als „Funpress“, denn obwohl die Kommunikation nicht erwünscht war, „kannte“ man sich ja numehr auch schon visuell, was in dem einen oder anderen Fall insofern zu Verhaltensänderungen führte, als Vielsympathie oder Wenigersympathie durchaus die Handlungsweise beeinflussen konnte.

Marc weist den Diplomatenanwärter Carsten
(Bierflasche) ein
Unter den 9 Spielern waren zwei Neulinge, die von Fabian frühzeitig im Büro zu Diplomatenanwärtern ernannt worden waren. Ihnen zur Seite standen zwei erfahrene Profis, nämlich Stefan Hagemann und Marc Boden, die sich liebevoll um die Möchtegerndiplomaten kümmerten und professionell berieten.
Nach diesem Warming-up war die Stimmung unter den Beteiligten in Höchstform, während des Wetter immer schlechter wurde. Nun wollten mehrere auch noch die Brettspielform von „Civilization“ erkunden und mutierten zu einer Wohnzimmergruppe, während 7 gierige noch ein weiteres Terassendip starteten, darunter einer der Newcomer. Dieser wurde ins Diplomatische Wasser geworfen, das wegen der anwesenden Profis einen hohen Wellengang hatte, doch er schwamm sich auch – nun auf sich alleingestellt – ohne Lehrmeister – frei.

Civilisation-Spiel
Diese Partie ging nun bis ca 00:30, als einige der Beteiligten zum letzten Bus mussten, und die Civilisationer sich bereits mit den Pokerchips zufriedengaben. Da die Gewinnlage beim Dip, das wegen eines Hurrikans nun auch ins Wohnzimmer verlegt worden war, nicht eindeutig war, bestanden zwei Teilnehmer auf die Fortsetzung am Folgetage (was natürlich nicht umgesetzt wurde), und alle verbliebenen Gäste nahmen auf der Terrasse noch einige Absacker zu sich, über die Juntasituation mit den Nachbarn und im Allgemeinen sinnierend, um sich wieder auf Nenndrehzahl zu bringen.

Fabian und Felix beim Schachspiel
Am Sonntagfrüh ging es um 10 Uhr weiter, und zwar, weil sich keine Mehrheit für die Fortsetzung des Dip – Nightmares fand, mit einem neuen Dipnormal mit gehabten 7 Spielern. Ein kurzes Gastspiel gab noch Felix Happich, der der Szene durch seine Organisationskunst zusammen mit dem leider fehlenden Ulrich Degwitz bei Variantenfacetoface bekannt ist. Jedoch konnte er nicht lange bleiben, doch für zwei königliche Spiele mit Fabian an der Seite der Terrasse liess er sich gewinnen.

Letzer Stand von letztem Spiel
Nachdem auch der Schachspieltrieb befriedigt war, gesellte sich Fabian zu dem Diptisch dazu und sprang als Ersatzspieler für Stefan ein, der seine lange Heimreise antrat. Fabian gelang es, dessen Position in den verbleibenden zwei Jahren doch erheblich aufzubessern, und die Partie wurde aus Zeitgründen dann Ende 1906 um 15:30 MEZ beendet, als das allgemeine Aufbrechen zur Heimreise begann. Es war den Beteiligten deutlich anzumerken, dass sie gerne noch weitergespielt hätten und eher lustlos ihre Sachen packten.

Gesundheitsfördernd: Verhandlungen im Garten
Nahezu zwei Tage fast permanent auf der Terrasse an der frischen Luft bei gesunder Ernährung und nahrhaften Getränken, waren alle entspannt und frisch im Face to Face Teint, sodass die Veranstaltung nunmehr mit dem Prädikat „besonders gesundheitsfördernd“ anerkannt werden kann und beim Werbekostenaufwand im Rahmen der Einkommensteuer als abzugskostenfähig zu gelten hat.

Ohne Englisch geht nichts: Präsident Michael
Pock verhandelt mit Conrad Woodring
Ein weiterer indirekter Vorteil war wie in unserem Fall, als der nichtdeutschsprechende Conrad als Gastspieler zugegen war, dass die Kommunikation in englischer Sprache unumgänglich wurde und man auch noch amerikanische Umgangssprache im Schnellkurs lernen konnte. Was sonst Panik auslösen könnte, wurde hier mit Vergnügen in die Tat umgesetzt, und in der Tat halfen der regelmäßige Bierkonsum und die High Motivation für eine in jeder Hinsicht „gelockerte Zunge“ und eine Gelassenheit bei der äußerst selten beobachteten Bildung von grammatikalischen Grausamkeiten auf der linguistischen Spielesafari.
Die eigentliche Krönung und der damit erzielte Erfolg waren sicherlich die Tatsache, dass es das ganze Wochenende nicht um Spiel, Satz und Sieg ging, sondern dass man sich, ohne Zeitdruck, NMR und sonstige Betamotivationsblocker völlig unbezwungen von Befehlsabgabe zu Verhandlungen und zum Kühlschrank und umgekehrt bewegte und alle fünfe wirklich geradelassen konnte – quasi wie im Urlaub!
Der Teamgeist ermöglichte es schliesslich auch, dass so manche Fehler nachgesehen wurden. So verwechselte zum Beispiel ausgerechnet der Verfasser am Samstag infolge Jetlag und Zeitverschiebung ausgerechnet als Italiener am Samstag infolge Jetlag und Zeitverschiebung in seinen Aufzeichnungen immer wieder Venedig mit Triest, was die anderen ihm alterskulant und „kundenfreundlich“ unkleinlich nachliessen, wofür er wiederum dankbar war. Dieses Verhalten wurde auch am Sonntag beobachtet im Zusammenhang mit zwei weiteren Spielern, die mit ähnlichen „Verschreibern“ ebenfalls ungeschoren davonkamen. Zusammen vergnügte man sich zwei Tage lang und hatte an diesem Wochenendevent eine schöne kumpelhafte Zeit, wofür dem Gastgeber Fabian ein besonderes Lob ausgesprochen wird.

Siegerehrung “zufällig” an den Präsidenten
Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Gastgeber mit seinem Allround-Superservice zum wirklichen Unkostenbeitrag von 10 Euro sogar an eine Siegerehrung gedacht hat, die selbstverständlich in symbolischer Art zu verstehen ist, denn einen eigentlichen Sieger gab es ja nur insofern, als ja „alle“ gemeinsam gesiegt hatten. Stellvertretend für sie erhielt, wie es sich gehört, der amtierende Präsident Michael Pock die Trophae (…die aus verlegerischen Gründen – „Kein Produktplacement“ – hier nicht genauer erwähnt wird), letztlich aber auch, weil er in der schwierigen letzten Partie einen wirklich überragenden Sieg eingefahren hatte.
Face to face in einem privaten Raum ist eine Erfahrung der besonderen Art. Das ist die Schlussfolgerung, die ich persönlich ziehe. Wenn man sich in Jugendherbergen oder sonst an neutralen Orten “zurückziehen” kann, so ist das hier nicht möglich. So lernt man sich zu arrangieren und zu akzeptieren. Solche Erfahrungen verbinden! Das macht Spass.
Gewünscht haben sich alle, und deshalb wird das an dieser Stelle auch erwähnt, dass der Schrumpftrend, der derzeit das Hobby überschattet, doch eine Kehrtwende erführe und man gemeinsam eine Community entwickele, die zu einer so grossen Akzeptanz und Freundschaft führe, dass man bei einem Besuchsvorhaben in einer entfernten Stadt – wie früher – doch ein „Ach-dann-komm-doch-einfach-vorbei“ eines anderen Kollegen hört, den man sonst nur durch Emailverkehr geniessen oder bei einer Livespielverstaltung kennenlernen konnte. Vor allem von den Opinion leader wünschte man sich Aktivitäten, sei es bei der Werbung von neuen Spielern oder bei der Ausrichtung von weiteren Veranstaltungen oder schlichtweg bei der Kommunikation in den Foren. Ambitionen gab es also mehr als genug.
Ein weiteres Halleluja, das sich eben auch nur bei solchen Live-Events einstellen kann, ist, welch unterschiedliche Typen von Diplomaten man an so einem Wochenende kennenlernen konnte. Da war einer, der als ewig unzuverlässig eingestuft wurde, dafür aber dann doch solide Resultate eingefahren hatte, dann einer, der übervorsichtig defensiv spielte und stets im Mittelfeld landete, ein anderer wiederum, der wusste, dass man am Anfang schnell punkten musste und dies auch tat, dann aber sich doch in seinen Zusagen verhaspelte und Federn lassen musste, wiederum ein anderer, der als ewiges Ziel das Killen seines grössten Konkurrenten, des „Alphaspielers“ eben, hatte, wiederum einer, der nie stabbte, und oftmals trotzdem hervorragend abschloss, und schliesslich einer, der brillant seine Stärken ausspielte, dann bis zum Schluss aber fast alles verlor. Oder der Verfasser, der als typischer Wassermann zunächst zwischen himmelhochjauzend und zumtodebetrübt schwankte, dann sich aber ein Herz fasste und mit viel Gelassenheit zum Gewinn anderer beitrug (oder das wenigstens glaubte).
Ein Face to face ist also vor allem ein gesellschaftlicher Thrill, bei dem man sehr schön die Stärken und Schwächen anderer Kommunikationskünstler beobachtet und sich natürlich auch mit der Wirkung seiner eigenen Kommunikationsfähigkeiten in praxi auseinandersetzen muss, ganz wie im richtigen „Diplomaten“-Leben, aber eben genial gut und eben nicht erreicht von Stammtisch, Fussball oder Glotze. Und ganz nebenbei macht man auch noch einige Bekanntschaften, die dann lange nach dem Wochenende noch einen Freundschaftsfernwirkungseffekt entfalten.
Danke, Fabian, für das gelungene Wochenende! Danke auch deiner Familie, die zuvor ein Wochenendexil aufgesucht hat und uns „Freie Bahn“ liess!
Teilnehmer, die irgendwann mal da waren:
Arne Senftleben (Alt-Ludomane, versierter Spieler, kennt Fabian seit 1. FtF. -Turnier in Mailand 2004)
Carsten Fritsch (Arbeitskollege, NP und Standard, die Partie wurde leider nicht zuendegespielt
Conrad Woodring: ein sehr starker Spieler aus USA aus der Woodring-_Familie (sein Vater ist ein Förderer von Dippy in USA mit dem Husky-Tournament in seinem Haus!!!, sein Bruder spielt auch)
Christian Reichardt (keine Titel, russlandminded, schreibt immer wieder mal was bei Ludo)
Christoph Diehl (Physiker, der reden kann, auch sehr erfahrener Spieler)
Fabian Straub (mehrfacher Europameiser, Weltmeister, Deutscher Meister, Befürworter der Monarchie)
Felix Happich (Fabian: “mit ihm habe ich 2 x Schach gespielt – er ist ein zäher Knochen”:-)
Frerk v. Schön (WT_Meister mit Kampfsport-Verhandlungsstil, Kripo)
Carsten Fritsch (Arbeitskollege, NP und Standard, die Partie wurde leider nicht zuendegespielt
Kevin Struck (Arbeitskollege, Zuschauer und Teilnehmer beim Grillen)
Marc Boden (Kölner Jung, frisch & frech)
Michael Pock (Präsi des DBB)
Mirko Franke (Arbeitskollege)
Torsten Kutzner (Hesse)
Stefan Hagemann (FtF – DM in 2005, Berlin)