Und dann wird mit dem “fiesen” Stabber ein Bier getrunken..
In San Marino fanden am zweiten Maiwochenende die diesjährigen Europameisterschaften statt. Als einziger Deutscher war Holger Fiedler vertreten. Er landete einen tollen 15. Platz und konnte auch noch als “bester Engländer” brillieren. Hier sein Bericht.
Die Europameisterschaft fand diesmal im Western Palace Hotel in San Marino statt. Ich reiste bereits eine Woche vorher nach Italien. Es ist mittlerweile mein drittes internationales Turnier, welches ich mit einem Urlaub verbinde. Bei meiner Ankunft wurde mir mitgeteilt, dass ich das Zimmer mit Keith Smith teile. Bereits am Freitagabend stand dann die erste Runde an. Insgesamt fanden sich 36 Spieler aus 9 Nationen ein. Die meisten Italiener (Organisation) hatten dabei orange Diplomacy-T-Shirts an. Dies sollte sich für mich im Laufe des Turnieres als wichtiger Warnhinweis herausstellen. Zunächst möchte ich rein subjektive meine Partien Revue passieren lassen.

1.Partie
Das Turnier begann noch an dem Freitag mit der ersten Runde. Mir wurde England zugelost mit Gwen Maggi dem Titelverteidiger in Deutschland und den Italienern Fillippo Palazzi (Russland) und Fulvio de Persio (Frankreich). Nach den Anfangsverhandlungen hatte ich mich bereits entschieden, dass ich eine Allianz mit Gwen Maggi versuchen werde. Es scheint eine gewisse Eigendynamik solcher Turniere zu sein, zunächst den Titelverteidiger anzugreifen. Genau dies geschah auch hier. Gwen musste sich frühzeitig seiner Nachbarn erwehren, während der deutsch-englische Angriff auf Frankreich lief. In einer sehr engen Stellung verpasste dann Gwen die Einnahme des ungeschützten Paris, wodurch Frankreich aufbauen konnte und sich erholte.Umgekehrt musste Deutschland deswegen abbauen. In dieser Situation stand ich vor der Wahl Deutschland den Todesstoß zu geben oder mich mit 6 sicheren Vzs zufriedenzugeben. Ich habe letzteres gewählt und nur durch taktische Fehler Frankreichs konnte ich Portugal und Brest erobern. Plötzlich hatte ich mit 8 VZ das Board getoppt. Dazu hatte jede Nation mindestens 3 Center, was mir insgesamt 60 % Bonuspunkte einbrachte. Für mich völlig überraschend befand ich mich damit auf dem zweiten Platz im Gesamtklassement.
2. Partie
In der zweiten Runde am darauf folgenden Morgen erhielt ich Österreich. Mir gefällt Österreich ausgesprochen gut. Wenn man erst 5 oder 6 Vzs erreicht hat, erhält man eine Position wo man schwer angegriffen werden kann und trotzdem vorsichtig agieren kann/muss. Dazu erhielt mein Zimmergenosse Keith Smith die Türkei. Die beiden weiteren Nachbarn waren Alex Lebedev (Italien), Giovanni Cesarini (Deutschland) und Andrea di Luzio (Russland). Letzterer sprach leider kein Englisch. Ohne gemeinsame Sprache wird die Kommunikation bei Diplomacy doch sehr schwierig. Da es Keith genauso erging kam es schnell zu einer Allianz mit der Türkei. Dazu wollte ich Alex Richtung Frankreich schicken, weswegen ich ihm einen Triest-Vertrag für den Herbst anbot. Mein langfristiger Bündnispartner sollte Keith werden. Alex agierte relativ vorsichtig und zog nur halbherzig gegen Frankreich. Im Herbst 1902 erlaubte mir Osmanien mir Bulgarien zu leihen um eine Armee ausheben zu können und einen Stab auf Italien vorzubereiten bzw. einen Stab von Italien zu verhindern. Meine Truppen waren derweil in den Kampf gegen Deutschland und Russland involviert. Zu meiner Überraschung baute Keith eine Armee in Con, statt eine weitere Flotte gegen Italien auszuheben. Leider konnte ich den drauf folgenden „Katastrophenstab“ nicht verhindern. Osmanien verzichtete auf Moskau und eventuell Warschau um Bulgarien zu erobern, ein VZ welches ich freiwillig zurückgeben wollte, da ich es ohnehin nicht verteidigen hätte können. Alex hat dann diese Position perfekt ausgenutzt. Während meine Armeen Richtung Südosten marschierten, konnte Italien mit 2 Flotten (Ion, Eas) Osmanien lahm legen und sich in Stabposition gegen Österreich bringen. Es ist eine der unangenehmsten Situationen, wenn man feststellt, dass sich der Alliierte in Stabposition gebracht hat und man nichts dagegen unternehmen kann, weil dies die sichere Elimination bedeutet. Alex ist ein guter Spieler und stabbt. Dadurch verlor ich in einem Zug 3 von 5 VZs (Mun(D), Vie(I), Gre(I)). Mit den 2 verbliebenen VZs Ser und Bud war ich weiter für Italien wichtig um Osmanien einzudämmen, was ich gern tat. Leider brauchte Alex um das Board zu toppen im letzten Zug noch 1 VZ, womit ich im letzten Zug der Partie doch noch eliminiert wurde. Glücklicherweise stand gleich danach noch eine Nachmittagsrunde an um diese ärgerliche Elimination wieder wettzumachen.
3. Partie
Die Auslosung wird also verkündet. Ich erhalte Russland. René van Rooiyen bekommt die Türkei und Emeric Miszti Österreich. Mit beiden hatte ich mich kurz vor der Partie noch unterhalten. Dazu Matteo Anfossi in Deutschland. Also auf zu den fröhlichen Verhandlungen. René schnappt sich zunächst Emeric. Dies gibt mir die Gelegenheit sofort das wichtigste mit Matteo zu besprechen. Ich bin als Russland- und Deutschlandspieler davon überzeugt, dass eine wohlwollende Neutralität zwischen beiden Nationen für beide essentiell ist. Matteo spricht zwar kein englisch, aber mithilfe eines Übersetzungszettels können wir uns hinreichend verständigen. Interessanterweise bittet mich Deutschland nach StP zu eröffnen. Ich halte die Northern Opening für schlecht, aber da Deutschland mich darum bittet probiere ich es. Zusätzlich konnte ich im Süden eine DMZ in Galizien vereinbaren und mit René einen Austausch von Con und Sev absprechen. Ich spiele also tatsächlich diese verrückt Eröffnung, bis im Herbst 1901 das böse erwachen kommt. Ich stehe in Fin, Bot, Con, Rum und habe Sev an Osmanien verloren. Ja, genau – Im Süden hat alles wunderbar funktioniert, aber im Norden bounct mich Deutschland aus Schweden raus. Matteo bekommt drei Aufbauten und England steht in Nwy und Bar. Der Westen spielt ein Western Triple in dem Frankreich zunächst still hält. Nicht nur die Dynamik der Eröffnung war damit weg, sondern zu allem Überfluss hatte ich auch keine Möglichkeiten mehr im Süden etwas zu unternehmen – totale Stagnation war die Folge. Deutschland und Frankreich wuchsen auf Kosten von Russland und England. Deutschland spielte dabei eine „links-rechts“ Taktik mit ständigen Richtungswechseln. Meine Chancen auf das TopBoard waren damit dahin, aber die Verhandlungen mit Matteo waren weiterhin sehr unterhaltsam. Für langfristige Planung haben wir sogar zeitweise einen Übersetzer bemüht!
Highlight der Partie war jedoch der letzte Zug. Die Situation könnt ihr der Karte entnehmen. René benötigte einen dritten Platz um eine Chance auf das TopBoard zu haben, was wie man meinen sollte unmöglich ist, allerdings hat C-Diplo im letzten Zug seine eigenen Gesetze. Die Ausgangssituation ist also folgende: Ich möchte meine beiden VZs behalten und kündige F Bla-Sev an und bitte sowohl Deutschland, als auch Österreich um Support für Rum. Beides wird mir zugesagt. Etwa 5 Minuten vor der Deadline kommt René zu mir und unterbreitet mir seine Idee, bei der er eine kleine Chance hat Dritter zu werden. „Er hätte jedoch Verständnis, wenn ich ablehnen würde. (Anm.: Ein sehr überzeugender Satz.)“ 2 Minute vor der Deadline – alle Nationen mit Ausnahme von Osmanien und Russland haben die Züge abgeben und ich denke angestrengt darüber nach, ob ich René Vorschlag annehmen soll.
1:30 vor der Deadline – Emeric: „Do you still thing about your moves.“ Ich: „Yes“ Emeric: „Well, you have plenty of options.“ Ich: „Are your moves in?“ Emeric: „Yes“
1:00 vor der Deadline – Ich schaue René an, der neben mir steht, und sage: „I do it!.“
0:30 vor der Deadline – Unsere Züge sind abgeben.
Und hier die Auswertung: René hatte seinen dritten Platz und ich stand in Serbien!
Rahmenprogramm
Besonderes Highlight der Organisation war am Samstagabend die Feier im Castello di Gradara. Aufgrund der Entfernung wurde eine Fahrt in Kolonne zur Burg organisiert bzw. improvisiert. An dem Abend dürfte ich gegen 4 Uhr früh im Bett gewesen sein. Doch hier die Beschreibung der Partie am nächsten Morgen.
4. Partie
Ich erhielt in der 4. Runde Deutschland mit Emmanuel du Pontavice in England und fünf Italienern in den restlichen Nationen. Leider sprach wieder einer meiner Nachbarn kein Englisch. In diesem Fall Frankreich, womit ich nach den Erfahrungen des vorherigen Tages entschied eine Attacke auf Frankreich zu lancieren. Unglaublich aber wahr – die Italiener entschieden sich eine Allianz zu formieren. Vom Herbst 1901 – 1904 hatte ich also nur vier Feinde: Italien, Österreich, Frankreich und Russland. Selbstverständlich verhielt sich Osmanien neutral. Getreu dem Motto viel Feind viel Ehr stellten wir (Emmanuel und ich) uns dem aussichtslosen Kampf. Taktische Fehler von Russland und Frankreich gepaart mit einem glücklichen Händchen bei unseren Züge, erlaubten eine erstaunlich effektive Verteidigung. Zugegeben, im Jahr 1903 war Berlin von Frankreich und München von Österreich besetzt. Ich konnte trotzdem auf 6 VZ wachsen, da sich die deutschen Armeen in Paris und Marseille befanden! Im Frühjahr 1905 bat mich dann Giovanni (ÖU) um eine Support für A Boh-Tyr um einen Stab auf Italien lancieren zu können. Ich, meinem Risikofreudigen Turnierstil treu bleibend schlug ich ihm daraufhin vor dies doch mit einem Abzug der Armee von Kie nach Lvn und A Sil-War zu verbinden. Kiel könne er gern behalten. Österreich schlug ein! Dann kam es zur Auswertung. Die österreichischen Züge wurden zuerst vorgelesen; A Boh-Tyr, A Kie-Lvn. Die Partie war gerettet; Österreich hat Wort gehalten! Dann kamen meine Züge F Bla C A Kie-Lvn. Missorder! Vier Spielzüge vor Schluss verspiele ich die Chance mich in eine glänzende Postion zu bringen nachdem mich Frankreich, Russland. Österreich und Italien angegriffen hatten. Danach war die Partie für mich gefühlt zu Ende. Ich hatte keinen vernünftigen Plan mehr. Fast hätte ich sogar noch mein bestes England in dieser Partie verspielt. Glücklicherweise hielt die italienische Connection OR + ÖU, so dass Österreich den Sieg in der Partie davontrug.
Turnierabschluss und Fazit
Mit dem Partieende am TopBoard stand Nicolas Sahuguet als Sieger der EDC 2012 fest. Bei diesem Turnier wurde die Siegerehrung regelrecht zelebriert, inklusive der „Ehrengarde“ von San Marino.
Mit dem Ende der Siegerehrung war ein rundum gelungenes Turnier zuende gegangen. Die Organisation von Luca Pazzaglia war sehr gut, und ich war/bin mit meiner diplomatischen Leistung zufrieden. Ich hatte in allen meinen Partien Spaß bei den Verhandlungen und konnte agieren, mit dem Ergebnis, dass ich extrem unterhaltsame Partien und Zugkombination auf die Bretter bekam. Das ganze wurde mit dem Gewinn des besten „Inghilterra“ aus der ersten Runde gekrönt.
Ich kann nur jedem empfehlen, zumindest einmal zu einem Diplomacyturnier zu fahren. Fangt am besten in Berlin an! Ich habe lange gewartet, weil ich immer der Meinung war, FtF spielen ist nichts für mich. Die erste Con hat diese Einschätzung schlicht über den Haufen geworfen. Aber seid gewarnt – Diplomacy per FtF kann süchtig machen. Der Nervenkitzel und die Anspannung während einer FtF Partie ist unvergleichlich. Und danach wird mit dem „miesen“ Stabber das ein oder andere Bier getrunken und gefachsimpelt. Letzteres ist für mich der entscheidende Unterschied zum Spiel per E-Mail und neben den Zeitfaktor der wichtigste Grund, weswegen ich mittlerweile Face-to-Face Diplomacy bevorzuge.






VARIANTENSTADL ENDE ERSTES QUARTALGenaueres derzeit in Planung




